___________ Food-Reportagen
Marion Trutter ________
Ferran Adrià - Surrealist der katalanischen Küche
Es fängt alles ganz harmlos an: Du führst eine Gabel mit Roter Beete
zum Mund in Erwartung dieses ganz bestimmten Aromas. Ein zarter Biss
- und die Welt gerät aus den Fugen: Das schmeckt zuckersüß und nach
Wald, ist mild und weich und gleichzeitig stoßen sich die Zähne an etwas
Hartem. Schon sind die Sinne verwirrt - was auch kein Wunder ist, wenn
der Koch in Rote-Beete-Scheiben eine Himbeere einpackt und in dieser
eine Pistazie versteckt.
"Ich will in den Leuten Emotionen wecken, sie überraschen", gesteht
Ferran Adrià, der Surrealist unter den katalanischen Köchen. Und dann
sinniert er, dass ihm das Wort magia für seine Kochkunst am besten gefällt:
"Magie ist alles, was man nicht erklären kann."
Der Küchenmagier wirft alle herkömmlichen Erwartungen an Geschmack
und Konsistenz über den Haufen und wer sich auf ein Menü bei Adrià einlässt,
erlebt ein sinnliches Abenteuer nach dem anderen: Tintenfischravioli,
deren Geschmack im hinteren Gaumen als Estragonbombe explodiert, eine
Mousse aus Muschelfleisch, umhüllt von hauchdünnem Schweinespeck, oder
jene tückische Kreation, die sich zuerst als heiße Erbsensuppe ausgibt,
dann aber plötzlich eiskalte Minz-Emulsion über die Zunge schickt.
Seit 25 Jahren kocht Adrià im Restaurant El Bulli in einer Bucht bei
Roses, vor 22 Jahren kaufte er den Laden gemeinsam mit seinem Sozius
Juli Soler. Seitdem will Ferran einfach nur eines: "Kochen, wie es mir
Spaß macht, und gut leben." Inspirationen holt sich der 42-jährige vor
allem auf seinen Reisen um die Welt: "Jeder Ort kann dich irgendwie
überraschen," sagt er und die Unberechenbarkeit New Yorks hat es ihm
besonders angetan. "Wie die Modeschöpfer kreieren wir jedes Jahr einen
neuen Stil," erklärt Adrià. Im vergangenen Jahr standen warme Gelees
ganz oben auf der Liste. Was den Gast aber im Jahr 2006 erwartet, wird
man erst wissen, wenn El Bulli im April wieder die Tore öffnet.
Göttliche Lust: Andalusien
© Marion Trutter, erschienen in ELLE bistro
Manolo lächelt so weise, als kenne er dieses Spiel schon seit mehr
als 300 Jahren. Mit artistischem Dreh bahnt sich der Kellner der Bar
El Rinconcillo seinen Weg durch die Menge und jongliert alle paar Minuten
neue Tapas heran. Der gute Mann ahnt, dass sich derlei frühabendliche
Schlemmerei noch rächen wird, denn Neulinge machen in Andalusien
fast immer den gleichen Fehler: Mit müde gelaufenen Füßen
folgen sie den Einheimischen nach langem Schlendern durch Gassen und
Winkel in eine Tapas-Bar, stärken sich ausgiebig mit luftgetrocknetem
Schinken und Chorizo-Wurst, Anchovis und ausgebackenen Fischchen, Spinat
mit Kichererbsen und Kaninchen in Knoblauch. Dazu genehmigt man sich
ein, zwei Gläschen trockenen Fino-Sherry und schon geht s
weiter in die nächste Bar.
Die Sevillanos machen das genau so. Was, beim Bacchus, sollte daran
also falsch sein? Die Antwort ergibt sich ganz von selbst, wenn die spanischen
Freunde dann so gegen 22 Uhr zum Gehen auffordern: Vamos a cenar auf
zum Abendessen. Spätestens dann wird klar: Die Tapas-Tour war erst
der Anfang einer kulinarischen Orgie und die Spanier wissen ganz genau,
warum sie sich beim Tapas-Entrée klug zurück gehalten haben.
El Rinconcillo in der Calle Gerona ist die wohl älteste Taverne
Sevillas. Seit 1670 treffen sich hier Adelige und Arbeiter, Künstler
und Poeten, Geschäftsleute und Reisende, um genussvoll die Zeit
zwischen Arbeit und Abendessen zu verkürzen. Wie Stalagtiten hängen
luftgetrocknete Schinken von der Decke der Tapas-Höhle, darunter
kleine Schirmchen , die das Outfit der Gäste vor Fettflecken
schützen sollen. Die emaillierten Kacheln gehören angeblich
noch zur Urausstattung genauso wie Manolo, der versichert, er
sei schon immer da . Damit meint er, dass er seit bald 40
Jahren im Rinconcillo bedient.
Wahrscheinlich waren es die alten Araber, die bei ihrer Eroberung der
Iberischen Halbinsel auch die Sitte mitbrachten, vor dem Essen viele
kleine Vorspeisen zu servieren. Und auch sonst wäre die andalusische
Küche ohne die Einflüsse aus dem Morgenland um einiges ärmer:
Mit ihren raffinierten Bewässerungstechniken verwandelten die Araber
die kargen Landschaften zwischen Atlantik und Mittelmeer in einen blühenden
Garten und pflanzten Produkte an, die heute aus der spanischen Küche
nicht mehr weg zu denken sind: Reis und Mandeln, Auberginen und Artischocken,
Zitrusfrüchte, Safran und Zimt.
Aber nicht nur in der Küche atmet man in Andalusien bis heute den
Zauber des Orients. Auf Schritt und Tritt zeigt sich, wie stark die Araber
Kunst und Kultur ihrer neuen Heimat al-Andalus geprägt
haben: Sie erbauten die Alhambra in Granada, die Moschee in Córdoba
und den Palast Reales Alcázares in Sevilla mit seinen duftenden
Gärten mitten in der Stadt. Arabischen Baumeistern verdankt Sevilla
auch sein Wahrzeichen, den berühmten Turm La Giralda, den später
die Christen ihrer Kathedrale einverleibten. Vom fast 100 Meter hohen
Turm schweift der Blick über das verschachtelte Dächermeer
der Altstadt bis hin zu den Ausläufern der Sierra Morena.
Unten in der Stadt wuselt es vom Frühjahr bis in den Spätherbst
vor Touristen aus der ganzen Welt und so hat man in den vergangenen Jahrzehnten
vor allem das einstige Judenviertel Sevillas, das Barrio Santa Cruz,
herausgeputzt wie ein Freilichtmuseum. Selbst an glühenden Sommertagen
bleibt es in den engen Gassen mit ihren schneeweiß gekalkten Häusern
erträglich kühl, Straßenschilder aus arabischen Kacheln
weisen den Weg durch ein Labyrinth aus Patios und Plätzchen, aus
Bougainvillea-Kaskaden und überbordenden Blumenkübeln. Kitsch
und Kunsthandwerk, Bars und Bistros gibt es hier in Hülle und Fülle
und wer das echte Sevilla sucht, hat es nicht weit ins Viertel La Macarena
oder auch ins ehemalige Zigeunerquartier Triana auf der anderen Seite
des Guadalquivir. Nur am Ufer des Flusses hat sich längst der Zeitgeist
breit gemacht. Hier sippelt die Jugend am Abend auf luftigen Bar-Terrassen
ihren Mojito oder Caipirinha, bevor es weiter geht in die Disco.
Wie überall im Lande schaffen es die Spanier auch in Sevilla immer
wieder, religiöse Hingabe und sinnliche Genüsse aufs Kurioseste
zu verbinden. Da ist zum Beispiel Padre Luis Lezama: Vor rund 30 Jahren
hatte es sich der katholische Priester zur Aufgabe gemacht, mit einer
kleinen Taverne in Madrid gefährdete Jugendliche von der Straße
zu holen. Das Essen war nicht schlecht und so kamen bald auch andere
Gäste. Mittlerweile besitzt der Kirchenmann eine ganze Reihe von
Nobel-Restaurants von Madrid bis Washington. Die Taberna del Alabardero
in Sevilla ist ein Ableger dieses göttlichen Gourmet-Imperiums und
bei all dem findet der fromme Mann auch noch Zeit für seine kirchlichen
Aufgaben: Erst jüngst vollzog Padre Lezama höchstselbst bei
seinem Maître, Javier Velázquez, und dessen Braut Cinta
die kirchliche Trauung. Die Flitterwochen sind vorbei und nun darf sich
der Gast vom frisch gebackenen Ehemann die Tagesgerichte empfehlen lassen,
etwa mit Seespinne gefüllte Crêpes oder Adlerfisch (corvina),
eine Spezialität des Hauses.
Frische Ingredienzen für Neukreationen wie für einfache Tapas
finden die Köche Andalusiens quasi vor der Haustür: Atlantik
und Mittelmeer sind nicht weit, Obst und Gemüse wachsen in den Niederungen
des Guadalquivir, während das hügelige Land in Richtung Osten bis
weit hinein in die Provinzen Córdoba und Jaén fast
nur eines hervorbringt: bis zum Horizont Olivenbäume in langen Reihen,
nur unterbrochen durch Mohnfelder wie Feuerteppiche und hier und da ein
paar Kirsch- oder Mandelkulturen. Dazwischen leuchten als Farbtupfer
die sorgsam gehegten Geranien vor den weiß gekalkten Wänden
einzelner cortijos, der typisch andalusischen Gehöfte.
Einige der schönsten Anwesen haben sich bereits betuchte Lebenskünstler
aus Madrid oder Marbella als Privatresidenzen gesichert und auch wer
als Tourist sein Haupt besonders nobel betten möchte, findet dazu
immer mehr Gelegenheiten in cortijos oder haciendas. Auf einem Hügel über
dem Río Guadimar vor den Toren Sevillas liegt die Hacienda Benazuza,
untergebracht in einem arabischen Landgut aus dem 10. Jahrhundert. Betört
vom Duft der Orangen- und Jasminblüten kann man in der Luxusoase
von einem Patio zum nächsten schlendern, zwischen Brunnen und Orangenbäumen
seinen Cocktail schlürfen und sich mit allen Sinnen auf das Dinner
vorbereiten.
In der Küche führt Spaniens surrealistischer Küchenkünstler
Ferran Adrià sozusagen das Fernregiment: Der Chef des Restaurants
El Bulli in Katalonien berät seinen Kollegen im Restaurant La Alquería
und erarbeitet gemeinsam mit ihm das Menü. So findet man auf der
Karte neben dem klassischen andalusischen Gazpacho aus Brot, Olivenöl
und frischen Gemüsen auch einen Gazpacho mit Hummer und Basilikum,
statt des volkstümlichen Bohneneintopfs mit Bauchfleisch schnürt
der Chef aus hauchzarten Böhnchen und Speck kleine, mit Minze aromatisierte
Päckchen und der Kaninchenrücken wird mit Tintenfisch gefüllt.
Gut, dass es nach derlei sinnlichen Eskapaden nur ein paar Stufen sind
in die mit Antiquitäten und Kunstobjekten ausgestatteten Zimmer
und Suiten. Noch ein Drink auf der Terrasse mit Blick über die silbern
schimmernden Olivenhaine, dann kann man im Himmelbett in tiefe Träume
sinken.
Im Land des Sherry-Bullen
© Marion Trutter, erschienen in Condor s Magazin
Der Sherry-Papst kommt mit dem Moped. In ganz Jerez kennt man die rote Motoguzzi
und den Mann mit der Fliegermütze. 81 Jahre ist er alt, agil und drahtig
wie ein junger Stierkämpfer, und statt Helm trägt er nur diese Kappe
aus dem zweiten Weltkrieg. Hinter ihm thront als Sozius - in einem Käfig
so rot wie die Maschine - Pico, ein kleiner, weißer Terrier. Kaum ein
Tag vergeht, an dem die beiden nicht vor den Bodegas der Kellerei Pedro Domecq
vorfahren. "Da kommt la nariz" heißt es dann: die Nase. Doch
seinen Spitznamen trägt José Ignacio Domecq nicht etwa, weil er
noch immer seine Nase in die Angelegenheiten der Firma steckt. Der alte Herr
hat einfach den richtigen Riecher. Er gilt als bester Sherry-Verkoster der
Welt, denn keiner versteht vom vino de Jerez so viel wie er, und seine Nase
ist durch ihr fürstliches Format geradezu zum Schnüffeln geschaffen.
Heiliges Reich des Sherry-Papstes sind die Bodegas im Zentrum von Jerez,
jene "Kathedralen des Weines" die mit ihren hohen, luftigen
Bogenhallen in den fast immer wolkenlosen Himmel ragen. In der Stadt
lagern insgesamt 120.000 Fässer Wein mit je 500 Litern Sherry oder
Brandy: 60 Millionen Liter. Allein auf dem Gelände von Domecq, einer
regelrechten Stadt in der Stadt, stehen 26 Bodegas. Größtes
Gebäude ist die "Mezquita" - zu Deutsch Moschee - mit
40.000 Fässern Sherry.
Schon beim ersten Schritt in die heiligen Hallen erfaßt auch den
Laien ein Schauer. Drinnen herrscht tatsächlich die Atmosphäre
einer Kirche: Espartograsmatten verdunkeln die hochgelegenen Fenster,
kühle, feuchte Luft steht in den langen Reihen von Fäßern,
und in die Nase dringt dieser Duft, ohne den Don José Ignacio
einfach nicht sein kann: nach Sherry - ob Fino, Oloroso oder Amontillado
- und nach dem Jerezaner Brandy, der hier bei Domecq geboren wurde.
Seit Jahrtausenden hat der Wein im westlichen Andalusien Land und Leute
geprägt. Die Phönizier brachten die ersten Reben ins Land,
und schon die Römer exportierten jedes Jahr acht Millionen Liter
vino de Jerez in ihre ferne Kapitale. Als britische Seefahrer vor rund
400 Jahren die erste Ladung Sherry vom nahen Hafen Cadiz nach Plymouth
verschifften, war es um die Engländer geschehen: Sie verfielen dem
süßen Fluidum und schickten ihre Handelsvertreter nach Jerez.
Im 19. Jahrhundert war die Stadt fast schon eine britische Kolonie. Findige
Geschäftsleute heirateten sich in die Sherry-Dynastien ein, und
heute tragen viele Kellereien sogar englische Namen.
Alle großen Bodegas der Stadt liegen in Fußentfernung vom
Zentrum, und alle bieten Führungen an: Pedro Domecq und Gonzáles
Byass - die traditionellen Konkurrenten - weiter Sandeman, Williams & Humbert,
John Harvey, Wisdom & Warter sowie Emilio Lustau. Wer sich bei Pedro
Domecq einer Führung anschließt, hat gute Chancen, dem Sherry-Papst
persönlich über den Weg zu laufen. Obwohl die Firma seit fast
zwei Jahren in englischer Hand ist, bezeichnet sich José Ignacio
Domecq noch immer als das "oberste Gericht", und er spricht
fast poetisch von seinem geliebten Wein:
"Der Sherry birgt zwei Geheimnisse , philosophiert er. Das
erste ist, daß aus der gleichen Traubensorte von der gleichen Lage
bei gleichem Anbauprozeß zwei so grundsätzlich verschiedene
Weine entstehen: der Fino und der Oloroso." Es braucht eine sehr
geschulte Nase, um nach der ersten Fermentation zu erkennen, aus welchem
Wein letztlich ein Oloroso werden wird und aus welchem ein Fino. Nur:
Warum der Wein die eine Richtung einschlägt oder die andere - das
kann selbst Don José Ignacio nicht erklären.
Um dann allerdings beim Endprodukt den Unterschied zu riechen, muß man
kein Kenner sein: Herb und fast stechend dringt das Aroma des Fino durch
die Nase. Er reift in den nur zu zwei Dritteln gefüllten Fässern
unter einer dicken Hefepilzschicht, also ohne Sauerstoff. Der Oloroso
dagegen atmet die laue Luft Andalusiens, er oxidiert mit Sauerstoff,
sein zarter Duft streichelt förmlich die Sinne. Und das zweite Wunder,
so der Sherrypapst, ist die Entwicklung vom Fino zum Amontillado: "Manch
ein Wein überlegt es sich sozusagen auf dem Weg zum Fino noch einmal
anders. Die Hefeentwicklung bricht ab, und heraus kommt ein milderer
Sherry, irgendwo zwischen Fino und Oloroso."
Dann führt Hochwürden seine Gäste in die sacristía,
das Allerheiligste seiner Kathedrale. "Sakristei" nennen die
Kellermeister jenen Teil der Bodega, in dem sich berühmte Persönlichkeiten
auf alten Fässern verewigt haben. Viele von ihnen hat Don José Ignacio
selbst empfangen und mit ihnen so manchen Schluck gekostet. Paloma Picasso
war hier und Charlton Heston, Lord Nelson und Napoleon, Alexander Fleming
und diverse Alfonsos und Georges: spanische und englische Könige
quer durch die Jahrhunderte.
Etwas melancholisch erinnert sich Don José Ignacio an vergangene
Zeiten: "Viel kann ich Ihnen nicht erzählen", beginnt
er mit einem Augenzwinkern, "nur von den letzten 81 Jahren: Vor
fünfzig, sechzig Jahren hatte Jerez noch richtiges Großstadt-Flair
- mehr als jede Provinzhauptstadt in Andalusien." Damals feierten
die Sherry-Barone in ihren Villen rauschende Feste - gemeinsam mit Freunden
und Kunden aus aller Welt. Die schönen Patrizierhäuser aus
dem 18. Jahrhundert sind noch in der Stadt zu sehen, und wer einmal kreuz
und quer durch die Weinregion fährt, kann in den Hügeln noch
wahre Paläste erkennen, welche die oberen Tausend sich bauen ließen,
etwa den vom Pariser Stararchitekten Garnier erbauten Palacio Pemartín,
heute in der Hand von Sandeman.
Eine große Liebe galt in den vornehmen Familien den Pferden, vor
allem den für ihr Temperament berühmten andalusischen cartujanos:
Die Kartäuserpferde wurden schon im 18. Jahrhundert von Mönchen
des Klosters La Cartuja gezüchtet und gelten heute als die bekannteste
spanische Rasse. Auf der Plaza del Arenal in Jerez sollen schon vor fast
250 Jahren Reiterspiele stattgefunden haben, und bis heute gilt die Hohe
Kunst zu Pferde auch als eines der touristischen Highlights in der Region.
Forum und Zentrum dieses Könnens ist die Königlich-Andalusische
Schule der Reitkunst, die mit ihren Shows Besucher aus aller Welt von
den Sitzen reißt. Unter dem Motto Wie tanzen die andalusischen
Pferde legen Ross und Reiter jeden Donnerstagmittag ein wahres
Ballett in die Arena. Die Veranstaltung ist fast immer ausverkauft, und
wer zu spät kommt, kann bestenfalls noch die Ställe und die
Sattelkammer besichtigen oder dem Sattlermeister in seiner Werkstatt
einen Besuch abstatten (Real Escuela del Arte Ecuestre, Av. Duque de
Abrantes, Tel. 31 11 11).
Auch die Festivitäten in Jerez drehen sich allesamt um Pferde oder
Wein. Schon zu Don José Ignacios Jugendzeiten nutzten die lokalen
Sherrydynastien sportliche Ereignisse rund ums Reiten, um ihre Markennamen
bekannt zu machen. So ist die Feria del Caballo bis heute eines der wichtigsten
Ereignisse im Jerezaner Jahreskalender mit Pferdespektakeln und Riesen-Jahrmarkt
- gesponsert von Pedro Domecq. Im Gegenzug dafür ist das Herbstfest
in Händen des großen Konkurrenten Gonzáles Byass. Zwar
hatte der neue sozialistische Bürgermeister die alte Fiesta de la
vendimia, das Weinernte-Fest, vor ein paar Jahren als ein Relikt großbürgerlicher
Lebensart verbieten lassen, doch die neue Fiesta del otoño steht
der alten mit ihrem traditionellen Pomp in nichts nach. Höhepunkt
des Festes ist die pisa de la uva, das traditionelle Keltern der Trauben,
das nach wie vor halb Jerez auf die Beine bringt.
Tausende von Menschen versammeln sich vor der Kathedrale, Fernsehteams
wuseln durch die Menge, mit tiefem Vibrato huldigt der Conferencier dem
Wein von Jerez. Lokale Schönheiten in Rüschengewändern
balancieren auf ihren Hüften hohe, schmale Weidenkörbe mit
Trauben. Stufe um Stufe schreiten sie zur Kathedrale hinauf, "an
jenen heiligsten Ort unserer Stadt", wie die Stimme eine Spur zu
salbungsvoll aus den Lautsprechern kündet. Korb für Korb weiht
ein Priester die Trauben, bevor sie in den lagar kommen, die traditionelle
Holzpresse mit Barfußbetrieb. Dort harren schon vier gestandene
Männer ihrer ehrenvollen Aufgabe - mit rosigen Bäckchen und
hochgekrempelten Hosen. Acht Männerbeine versinken langsam in einem
Meer aus Früchten, wie in einem uralten Ritual beginnen sie zu treten,
zuerst langsam, dann immer schneller - im Gleichschritt zum Takt der
Musik. Chor und Orchester jubilieren und dann - das Publikum scheint
für Minuten den Atem angehalten zu haben - schießt ein dicker
Strahl aus der Presse hervor: der erste Most des Weinjahres - begleitet
von der andalusischen Hymne.
Der moderne Alltag der andalusischen Weinbauern sieht allerdings anders
aus. Längst haben Maschinen aus rostfreiem Stahl die traditionellen
Holzkeltern abgelöst, und auch die schönen Weidenkörbe
stehen längst im Museum, abgelöst durch kühle, grüne
Plastikboxen, die sich meterhoch stapeln lassen und riesige Traubenberge
transportieren können. Denn trotz sengender Hitze und spärlicher
Regenfälle können die Weinbauern der Region pro Jahr bis zu
110 Millionen Kilo Trauben ernten, aus denen etwa 75 Millionen Liter
Wein werden. Allein der Sherry-Gigant Sandeman keltert auf dem Weingut
Cerro Viejo jeden Herbst innerhalb von 15 Tagen acht- bis neuntausend
Tonnen Trauben.
Wie eine weiße Insel liegt das cortijo, das typische Anwesen im
arabischen Stil, in den Hügeln. In schier unendlichen Reihen krallen
sich knorrige Weinstöcke in den Boden. Die fast schneeweiße
albariza-Erde saugt jedes Tröpchen Wasser auf wie ein Schwamm. Sie
speichert das kostbare Naß bis in den Herbst hinein und gibt es
langsam an die Pflanzen ab. In den letzten vier, fünf Jahren allerdings
war über Andalusien fast nie eine Wolke zu sehen. Der Regen blieb
aus, auch Sandeman mußte seine Produktion um gut die Hälfte
drosseln.
Hin und wieder rauscht Jürgen Mundt aus Hamburg, der Geschäftsführer
des Konzerns, mit seinem Jaguar durch die Weinberge, um nach dem rechten
zu sehen. Mundt lebt seit 30 Jahren in Jerez, angezogen durch die Lebenslust
der Region und seine Liebe zum Wein: "Es beginnt gleich morgens
nach dem Zähneputzen", erzählt er: "Da trinken die
Jerezanos ihr erstes Glas Fino. Und das geht dann den ganzen Tag so weiter... Stimmt.
Schon am Vormittag sieht man sie in den Bars der Altstadt stehen, mit
einem Fino in der linken Hand - und in der rechten eine tapa, eine dieser
kleinen unwiderstehlichen Leckereien, die hinter langen Glastheken locken:
gebratene Fische und Garnelen, Fleischbällchen in Tomatensauce,
marinierte Meeresfrüchte, Tortilla aus Kartoffeln und Ei, Gemüse
in Mayonnaise und andere Gaumenkitzler.
Gut dreißig Tapa-Bars drängeln sich in der Altstadt von Jerez,
drei allein in der nur hundert Meter langen Calle Pescadería Vieja
an der Plaza Arenal. Maurische Kacheln zieren Theke und Gastraum in der
Bar Juanito. Flamenco-Musik übertönt die brabbelnden Stimmen
der Gäste, die immer noch über den neuen Bürgermeister
und das Ende des alten Weinfestes schimpfen. Am Wochenende stehen sie
bis auf die Straße hinaus, müssen sich immer wieder von der
dritten oder vierten Reihe zum Tresen durchdrängeln, um ein nächstes
Glas Fino zu ergattern.
Nur am Nachmittag - so zwischen fünf und acht - ist Ruhe. Die Siesta
fällt wie ein heiliger Schlaf über die Stadt, und erst wenn
die Sonne lange hinter den Kirchen und Plazas versunken ist, erwachen
die Jerezanos zu neuem Leben. Ein weiteres Gläschen Fino in der
Tapa Bar, bei Juanito, El Cabildo oder in der Parra Vieja, dann erst
zieht man weiter zum Abendessen. Denn vor halb zehn Uhr abends herrscht
in den Restaurants gähnende Leere. Wer vorher kommt, wird mit einem
Sherry verströstet, bis der Koch den Löffel in die Hand nimmt,
und den würde José Antonio Valdespino auch keinem anderen überlassen.
Gemeinsam mit seiner Frau Margarita Lopez de Carrizosa führt er
La Mesa Redonda, das stilvollste Restaurant der Stadt mit dem Ambiente
eines großbürgerlichen Herrenzimmers. Stolz zeigt der Chef
die handgeschriebenen Kochbücher seiner Mutter und Großmutter,
denen er auch die Rezepte für in Gazpacho gekochtes Kaninchen und
eine Riesenauswahl Jerezaner Süßspeisen entnommen hat. Die
zelebriert er nach alter Manier, und der Abend vergeht wie im Fluge.
Später dann ziehen die Jerezanos gerne hinüber an den Rand
der Altstadt. In der Nähe der Stadtmauer liegt das Camino del Rocío,
Flamenco-Kneipe und eine absolute Institution. Vor elf, halb zwölf
Uhr nachts braucht man gar nicht aufzulaufen, dann aber füllt sich
der Laden schlagartig. Die meisten Gäste sind Einheimische, sie
kommen hübsch zurechtgemacht - die Herren im Anzug, die Damen mit
dicken Klunkern - vielleicht um einen Geburtstag zu feiern oder ein Firmenjubiläum.
Fisch gibt es hier und Sherry und Bier, einfach, aber gut, und Schlag
Mitternacht geht plötzlich im ganzen Raum das Licht aus. Hell erleuchtet
bleibt nur ein Altar über der Bühne. Der Kellner nötigt
alle Gäste, sich zu erheben und stimmt die Hymne des Camino del
Rocío an, der wohl bekanntesten Wallfahrt im südlichen Spanien.
Der Chef der Kneipe ist Rociero, ein gläubiger Teilnehmer der Wallfahrt,
und daß seine Frömmigkeit ihm jede Nacht ein paar Extra-Peseten
einbringt, mag ihn wohl nicht stören.
Erst wenn die letzten Töne der Hymne verhallt sind, gehen die Lichter
wieder an, die Gespräche der Besucher schwellen an in einem langsamen
Crescendo, der Wein fließt in Strömen, und lokale Flamenco-Größen
tremolieren sich mit Pathos in die Herzen der Besucher. Hier wird kein
Touristen-Flamenco heruntergenudelt, sondern die authentische Musik der
andalusischen Zigeuner zelebriert: klagend und melancholisch - und beileibe
nicht leicht zu konsumieren. Die schwermütige arabische Melodik
läßt die sengende Hitze Andalusiens spüren, die Lieder
erzählen von Liebe und fast immer von Leid, von Schmerz und nie
erfüllter Sehnsucht. Kein Wunder, daß in dieser Region der
Sherry erfunden wurde...