MARION TRUTTER   
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“I have a dream“

Auf den Spuren von Martin Luther King durch
Atlantas legendären Sweet Auburn District


(erschienen in Süddeutsche Zeitung)

Kürzlich war Obama da. Wie jeden Sonntag hatten sich die schwarzen Ladies in Schale geworfen, hatten ihre besten Kostüme angezogen in Lila und Beige und Apricot, dazu hochhackige Schuhe und riesige Hüte mit Perlen und Chiffonschleifen. Wie ein Bruder wurde er empfangen: Barack, der neue Messias des Wandels, einer von ihnen. Draußen tobte ein Sturm, Eisgriesel klickerte auf die Deckenlichter – der erste Schnee in Atlanta seit Jahren. Doch drinnen brachte Barack Obama das Blut des Südens zum Kochen. Er verwies auf die Bibel und die Mauern von Jericho, sprach von Gottes Plan und vom geeinten Volk Israel, das mit einer Stimme redete und so die Mauern zum Einsturz brachte.

Standing Ovations ließen die Mauern der Ebenezer Baptist Church erbeben. Zwar ist die alte Kirche im geschichtsträchtigen Sweet Auburn District momentan für Renovierungsarbeiten geschlossen. Aber man hat längst eine neue, viel größere auf die andere Straßenseite gestellt: einen schlichten Bau in rosa Backstein, umgeben vom I Have a Dream” World Peace Rose Garden.

Ebenezer war einst die Pfarrei von Reverend Martin Luther King Jr., dem großen afroamerikanischen Bürgerrechtler, der in den 60er-Jahren die Schwarzen des Landes anführte im friedlichen Kampf um Freiheit und Gleichberechtigung. Schon sein Vater hatte hier gepredigt, und bis heute steht immer mal wieder Reverend Jesse Jackson auf der Kanzel, Mitstreiter Martin Luther Kings und 1984 der erste Afroamerikaner, der sich um die US-Präsidentschaft bewarb. Damals allerdings hatte ein Schwarzer noch keine Chance.

Barack Obama, der smarte Jurist aus Illinois, wagt sich auf dieser Kanzel also in riesengroße Fußstapfen. Er erhebt die Stimme, beschwört seine Gemeinde mit dem Pathos eines Seelenhirten. Doch es gibt da einen kleinen Unterschied: Martin Luther King und Jesse Jackson waren Kirchenmänner, Obama ist Politiker. Dennoch war es sicherlich kein Zufall, dass er diesen mythischen Ort schwarzen Selbstbewusstseins für seinen Wahlkampfauftritt wählte. Immer wieder bezieht er sich in seiner Rede auf Martin Luther King. Er weiß: Der Mann hat Kultstatus. Wer ihn zitiert, wird Begeisterung ernten. Und vielleicht eine Wahl gewinnen.

Die Ebenezer Baptist Church ist seit 1980 Teil der Martin Luther King Jr. National Historic Site, einer Art Freilichtmuseum der Bürgerrechtsbewegung mitten in der Hauptstadt des Staates Georgia. Als Führer durch die historische Meile dient ein GPS-Empfänger, den man für 9,90 Dollar in der ehemaligen Feuerwache No. 6 ausleihen kann. Eine freundliche Stimme erzählt vom Leben der Familie King, vom politischen Aufstieg des charismatischen Führers und von seiner Ermordung in Memphis, die sich am 4. April zum 40. Mal jährt. Mit Satelliten-Unterstützung erkunden Besucher die Ebenezer Baptist Church und das Museum der Bürgerrechtsbewegung, die Freedom Hall und die Grabstätte der Kings. Sogar kleine Filmchen laufen auf dem Gerät.

Nachdenklich sitzt ein Pärchen aus New York am Rand des riesigen Wasserbassins, in dessen Mitte das marmorweiße Grabmal Martin Luther Kings und seiner Frau Coretta thront. Alicia und Cedrick haben gerade das Video von Kings Todestag betrachtet. „Ich bin zutiefst berührt“, sagt die junge Frau. Und ihr Begleiter fügt hinzu: „Wir verdanken Martin sehr viel, allerdings gibt es auch noch viel zu tun auf dem Weg zur Gleichheit. Doch wir sind guter Hoffnung – schließlich ist die dunkle Zeit gerade mal 50 Jahre her.“

Einmal das Geburtshaus von Martin Luther King zu besuchen, einmal an seinem Grab zu stehen, das ist für viele Afroamerikaner eine Art Pilgerfahrt. Jeden Tag besuchen Schulklassen den historischen Ort. Im Museum drängelt eine Traube Jungen und Mädchen vor einem Videobildschirm, völlig gebannt von Kings berühmtester Rede: “I have a dream“, hallt es durch den Raum. Die Kinder lauschen mucksmäuschenstill. „Wir haben in der Schule schon viel über Dr. King gehört“, erzählt ein Girlie mit Zahnspange. „Dr. King war ein guter Mensch, er hat uns die Freiheit gebracht.“

Schräg gegenüber, im Geburtshaus des späteren Bürgerrechtlers, staunen die Kids sichtlich über das Kinderzimmer, denn dort gibt es mehr Bücher als Spielzeug. Schon früh legten die Eltern Wert auf geistige und sprachliche Bildung ihres Sohnes, schließlich war Mama Lehrerin. Jeden Samstag holte sich Klein-Martin mit dem Bibliotheksausweis seines Vaters neuen Lesestoff aus der nahen Bücherei. Und dann dürfen die Kinder noch in die Fußstapfen der großen treten: Hinter der neuen Ebenezer-Kirche erstreckt sich der Civil Rights Walk of Fame mit den Fußabdrücken bekannter Bürgerrechtler von Martin Luther King und Mahatma Gandi bis hin zu Jesse Jackson und Sammy Davis Jr.

Für die Schwarzen Atlantas ist der Sweet Auburn District im Südosten der Stadt so etwas wie die Quelle ihres Selbstbewusstseins – und das nicht erst seit Obama da war. Sie wissen ganz genau, dass hier schon vor mehr als hundert Jahren viele Afroamerikaner ihr eigenes Unternehmen führten. Ihr Vorzeige-Businessman aus jener Zeit ist Alonzo Franklin Herndon, ein ehemaliger Sklave, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts vom einfachen Friseur zum erfolgreichsten schwarzen Geschäftsmann der Stadt hocharbeitete. Sein Laden mit Kristallkandelabern und vergoldetem Inventar entwickelte sich zum Lieblings-Barbershop für die weiße Oberschicht, und bald schon konnte Herndon einen ganzen Geschäftsblock auf der Auburn Avenue kaufen. Er machte in Versicherungen und gründete Atlanta Life – bis heute eine große Versicherungsgesellschaft.

Auf ihn beruft sich auch Sonya Jones, Inhaberin einer kleinen Bäckerei an der Auburn Avenue. Sie stellt sich als “Chef Sonya” vor und strahlt mit ihren warmen goldgelben Muffins um die Wette. Immer schon war es der Traum der in Atlanta geborenen Schwarzen gewesen, hier einmal einen Laden zu haben. „Dies war mal eine der reichsten schwarzen Straßen der Stadt“, erzählt sie. „Man atmet so richtig die Geschichte, verstehen Sie? Es ist ein wunderbares Gefühl in einer Gegend zu arbeiten, wo Schwarze schon vor hundert Jahren kreative und erfolgreiche Unternehmer waren.“

1997 eröffnete Sonya Jones ihre Sweet Auburn Bread Company. Nur ein paar Quadratmeter hat sie zum Teigrühren und Backen und Verkaufen. Wenn alle vier Stühle an den beiden Tischchen besetzt sind, geht die Tür fast nicht mehr auf. Doch die Leute kommen und gehen ohne Unterlass. Nach einer durchfeierten Nacht oder vor der Arbeit stolpern sie herein für Sonyas stadtbekanntes Südstaatenfrühstück: Lachskroketten, geräucherte Würstchen, Rühreier mit Speck, warme Buttermilchbrötchen mit Käse, alles serviert auf Papptellern mit Plastikbesteck. Natürlich muss jeder Gast auch die Hausspezialitäten kosten: „Das Beste sind unsere Naked Hummingbird-Muffins“, strahlt Sonya. Die „nackten Kolibris“ hat sie selbst kreiert – mit Ananas, Banane und Kokos. Und den Sweet Potatoe Cheesecake lobte bei seinem Besuch schon Bill Clinton in den höchsten Tönen. Ein Foto mit der Aufschrift “Fit for a President“ zeigt Sonya, Bill und den berühmten Süßkartoffel-Käsekuchen.

In der Auburn Avenue befindet sich Sonya wirklich in allerbester Gesellschaft. Hier liegen Kings Geburtshaus und Kirche, die Redaktion der schwarzen Tageszeitung Atlanta Daily World und die größte Forschungsbibliothek des Südens zu afroamerikanischer Kultur und Geschichte. Der von zwei Schwarzen geführte Yates & Milton Drugstore wurde im nahen APEX-Museum für afroamerikanische Geschichte originalgetreu wieder aufgebaut. Der Laden war nicht nur Drogerie, sondern auch Milchbar und Treffpunkt für die Bewohner des Viertels. Nach dem Geigenunterricht soll der kleine Martin gern hierher gelaufen sein, um sich mit seiner Lieblings-Eiscreme zu belohnen. Später sah man ihn angeblich hier oft sitzen, wie er auf Zetteln herumkritzelte und die nächsten Schritte für den Freiheitskampf plante.

Doch aller Sweet Auburn-Nostalgie zum Trotz: So süß wie der Name des Viertels verheißen mag, war das Leben hier meist nicht. Drogen und Kriminalität hielten Einzug, die einst blühenden Geschäfte zerfielen. Heute aber wird wieder kräftig investiert und restauriert. Es gilt als schick, in Sweet Auburn ein Designstudio oder einen Club zu eröffnen und sich mit dem Flair der schwarzen Kultur zu umgeben. Als Nachbar Martin Luther Kings sozusagen.

Im Dunstkreis des Idols hat sich auch Tom Houck niedergelassen. Der ehemalige Radiomoderator und Geschäftsmann war in jungen Jahren Fahrer und persönlicher Assistent Martin Luther Kings. Zurzeit arbeitet er an seinen Memoiren, hat hierzu ein Loft am Martin Luther King Jr. Drive bezogen. Der Mann mit kahl rasiertem Kopf, Stiernacken und rauchiger Stimme will endlich niederschreiben, was er in den 60er-Jahren mit Martin, wie er ihn freundschaftlich nennt, erlebt hat.

Zu finden ist Tom an diesem Mittag in Son’s Place, einem typischen Restaurant für Soulfood, die traditionelle Küche des schwarzen Südens. An der Kasse sitzt der Wirt Lenn Storey mit schwarzer Haut, schwarzen Klamotten und schwarzem Hut. Er wirft mit Scherzen um sich und begrüßt alle neuen Gäste zum Gebimmel einer Glocke: „Welcome to Tom and Marion and Christoph“ – auch die Besucher aus Europa ernten einen Gruß und den Beifall der anderen Gäste. Angeblich gibt’s hier das beste fried chicken der Stadt, und Lenn weiß das zu untermauern: „Wir backen das Huhn nicht in der Friteuse, sondern in unseren alten gusseisernen Pfannen. Die sind noch von meiner Großmutter.“ Fettig sind die panierten Hühnerteile trotzdem, aber einmal Soulfood muss in Atlanta einfach sein: Fisch oder Fleisch in dicker Panade, dazu collard greens, eine Art gedünstete Rübenblätter, mac&cheese, jener meist recht pappige Makkaroni-Auflauf, und corn bread, ein Maisbrot mit süßlichem Aroma.

Tom Houck gerät ins Fabulieren. Wer kann schon behaupten, auf Du und Du mit Martin Luther King Jr. gearbeitet, ihn täglich begleitet zu haben? „Eine schicke Fahrer-Uniform hatte ich nicht“, grinst Tom. „Ich trug lange Haare, Vollbart – und manchmal einen Mao-Pulli.“ Zwischen Anekdoten und Brathuhn dröhnt Toms Lachen durch den Raum: „Ihr habt ja keine Ahnung, was Martin für ein witziger Typ war!“ Und dann zeichnet er den Bürgerrechtler als wahren Komiker, der trotz harter politischer Auseinandersetzungen und ständiger Bedrohung immer Zeit hatte für einen Scherz. Dennoch muss er seinen Tod vorausgeahnt haben. Am 3. April 1968 predigte er ein letztes Mal in Memphis, Tennessee: „Ich sah das verheißene Land. Vielleicht erreiche ich es nicht mit euch. Aber seid euch sicher: Als Volk werden wir eines Tages dorthin gelangen.“ 24 Stunden später war King tot, erschossen in Memphis im Beisein seines Freundes Jesse Jackson. Der große Verfechter gewaltlosen Widerstands war selbst Opfer von Gewalt geworden.

Sein Traum aber lebt weiter. Und bald schon könnte wieder ein schwarzer Bürgerrechtler aus Georgia Geschichte schreiben: Letzte Woche lief John Lewis, ein prominenter Unterstützer Hillary Clintons, zu Barack Obama über. Der demokratische Kongressabgeordnete aus Georgia ist seit Kings Zeiten als schwarzer Bürgerrechtler aktiv und gab zu Protokoll: „Die Kandidatur von Barack Obama steht für einen Neubeginn in der politischen Geschichte Amerikas, und dieser wurzelt in den Herzen und Köpfen der Menschen. Ich möchte auf der Seite des Volkes stehen, auf der Seite des Geistes der Geschichte.“

 

Katalonien: Genie und Wahnsinn
© Marion Trutter

Antònia hat mich gewarnt: "Er wird nicht mehr lange auf sich warten lassen", hat sie gesagt, "und er wird dich völlig verrückt machen." Und eines Morgens ist er da: Er rüttelt an der Balkontür und die Kiefern vor dem Fenster neigen sich fast waagerecht gen Süden. Das also ist er: jener Wind, der von den Pyrenäen herunterbläst, Wälder und Frisuren zerzaust und von dem manche sagen, er würde den Menschen den Verstand aus dem Kopf pusten. Auf der anderen Seite soll er aber auch die Sinne beflügeln. Die Katalanen nennen ihn Tramuntana und ihre Verehrung für die wilde Brise ist genauso groß wie ihre Furcht.

Kein Wunder also, dass in dieser Gegend Genie und Wahnsinn so nah beieinander liegen. Antònia, die Freundin aus Cadaqués und Katalanin mit Leib und Seele, ist sich sicher: "Ohne die Tramuntana wäre Salvador Dalí nie auf die Idee gekommen, die gigantischen Eier auf sein Haus in Portlligat zu setzen oder Uhren zu malen, die einfach zerfließen." Klingt einleuchtend. Und vielleicht wäre es den katalanischen Köchen ohne diesen Irrsinnswind auch nicht eingefallen, Kaninchen mit Languste zu kombinieren oder Huhn mit Garnelen, zu allem Überfluss auch noch verfeinert mit Schokolade und Mandeln.

Dabei sind derlei aberwitzige Kreationen in Katalonien längst kulinarisches Kulturgut. Mar i muntanya heißt das Motto - "Meer und Berge" - und das macht durchaus Sinn: Die Legende sagt, das Empordà, die nordöstlichste Ecke Spaniens, sei aus der Vermählung eines Hirten mit einer Sirene hervorgegangen. Kind dieser Verbindung ist die Costa Brava, die "wilde Küste", wo die Berge mit den Füßen im Wasser stehen. Wer mag sich da wundern, dass die Fischer am Wochenende mit der Flinte in die Wälder ziehen, dass Bauern nach der Feldarbeit die Angel auswerfen? Auch wenn durch die Tobsucht der Tramuntana das Meer bisweilen wie verrückt gegen die Felsen peitscht, wissen die Fischer in Port de la Selva, was sie an ihrer wilden Küste haben: "Die Fische mögen die Costa Brava genauso gern wie die Taucher", erklärt einer, "denn beim Lavieren durch die Felsen trainieren sie sich besonders festes Fleisch an. Deshalb schmecken sie viel besser als diejenigen, die weiter draußen rumschwimmen." Und dann fügt er grinsend hinzu: "Die Fische, meine ich."

Die Fahrt von Port de la Selva über die Berge setzt meinem Tramuntana-Rausch noch eins drauf: von null auf 600 Meter in zwanzig Minuten und auf der anderen Seite hinunter wie in eine andere Welt. Rebhügel so weit das Auge reicht, verschlafene Dörfer und mittendrin die Burg von Peralada mit der gleichnamigen Kellerei. Über romantische Nebensträßchen lasse ich mich in Richtung Süden treiben, immer parallel zur Küste, steige an einem ruhigen Samstagmorgen hinauf zum Kastell von Pals. Mit seinen Mauern und Türmen ragt es wie ein umgestülpter Eimer aus der Ebene des unteren Empordà. Weite Felder, im Winter Brachland, reflektieren im Frühjahr das Sonnenlicht wie riesengroße Spiegel. Dann nämlich werden die Reisfelder überschwemmt und bald schon lugen die ersten grünen Hälmchen aus dem Wasser. Arroz de Pals kommt in tausend Variationen auf den Tisch: mit frischem Gemüse, mit Kaninchen, mit dicken Bohnen und Rüben oder als arroz negro, "schwarzer Reis" mit Kalmaren samt Tinte. Und eine Hochzeitsgesellschaft, die an diesem Nachmittag vor der Kirche von Begur aufs Brautpaar wartet, wird die jung Vermählten mit Reis aus Pals in eine hoffentlich glückliche Zukunft schicken.

Weiter landeinwärts nehmen die Bilder langsam herbere Konturen an. Eine veritable Bergrennstrecke führt jenseits von Girona hinüber in die Provinz Barcelona, zwischen Felsformationen zeichnen abenteuerliche Viadukte ihre Umrisse in den Himmel wie Scherenschnitte. Am Eingang zu einer Art katalanischem Grand Canyon liegt Vic. Die Tradition der ehemaligen Bischofsstadt beweist, dass die katalanischen Kirchenmänner der Fleischeslust nie abgeneigt waren. Schon vor Jahrhunderten galt der 30.000-Seelen-Ort als Zentrum der regionalen Wurstproduktion. Fast immer hängt das Aroma von Wurst und Schinken über der Kathedrale, im Carrer Argenters reiht sich ein Wurstladen an den anderen. Verkauft werden salchichón und fuet, botifarra und llonganissa - allesamt lokale Wurstsorten von den zwei Fabriken in der Stadt und von vielen kleinen Produzenten im Umland.

Zu diesen gehört auch die Familie Viladecas Casas. Gut zehn Kilometer außerhalb von Vic bei Tavèrnoles betreiben Rossendo und Dolores ein Restaurant samt Wursterei. Dabei hätten die beiden ihre masía, das katalanische Bauernhaus der Eltern, fast verfallen lassen. Bis vor 30 Jahren in den Bergen das staatliche Paradores-Hotel gebaut wurde - und mit ihm eine Straße. Plötzlich lag Rossendos alte Kate an der Lebensader. "Wenn die da oben mit ihrem einsamen Hotel Gäste kriegen", kalkulierte er, "dann können wir das auch". Das Haus wurde renoviert, 1971 eröffnete das Restaurant Fussimanya. Heute pilgern Feinschmecker aus ganz Katalonien hier herauf, um Hausmannskost von irdenen Tellern zu löffeln. "Eine Ärztegruppe aus Barcelona kommt jeden Herbst, nur um rovellons zu essen", erzählt Dolores stolz. Diese Pilze sind wirklich ein Hochgenuss: echte Reizker, einfach in Olivenöl gebraten, mit Petersilie und etwas grobem Salz bestreut. Allerdings konkurrieren sie im Vorspeisenkampf aufs Schärfste mit den Hausmacher Würsten, die Sohn José im Nachbarhaus herstellt - aus bestem Schweinefleisch und ohne jede Chemie.

Künstliche Nachhilfe haben auch die kulinarischen Schätze der Nachbarregion La Garrotxa nicht nötig. Der Boden liefert alles, was Bauern wünschen, schließlich liegen die Felder mitten in der Zona Volcànica. Rund 40 erloschene Vulkane türmen sich rund um Olot. Einer dieser dicht bewachsenen Kegel thront mitten in der Stadt, am Kraterrand klebt eine Einsiedelei. Von hier oben schweift der Blick über Ziegeldächer und unendliches Grün. "Die Mineralien machen den vulkanischen Boden sehr fruchtbar", erklärt Josep Prats vom Naturpark Zona Volcànica de la Garrotxa. "Außerdem kann die Lavaerde die Feuchtigkeit besonders gut speichern." Deshalb gerate das Gemüse hier immer ein bisschen besser als anderswo und das Aroma sei einfach unvergleichlich.

Das finden auch die Köche der Garrotxa. Als wollten sie ihren Kollegen an der Küste zeigen, dass auch dieses Hinterlandvölkchen zu Geniestreichen fähig ist, erfanden sie die Cuina Volcànica, die "Vulkanküche". Im Grunde aber ist nur der Name neu, mit den elf Produkten, die als Hauptingredienzen auserkoren wurden, kochten in dieser Gegend schon die Altvorderen. Zu ihnen gehören Kartoffeln und Rüben, Trüffeln und Kastanien, Wildschwein und Schnecken. Nicht zu vergessen die berühmten Bohnen aus Santa Pau, klein und weiß, mit einer ganz samtenen Konsistenz.Viele Restaurants rund um Olot haben sich inzwischen das vulkanische Küchenkonzept zu eigen gemacht und servieren Schnecken mit Botifarra-Wurst, Wildschweinbraten mit Kastanien oder mit Pilzen gefüllte Schweinsfüße in Rübensauce.

Ein, zwei Kilo Bohnen und etwas Wurst würde ich gern mitnehmen, fahre also die zehn Kilometer von Olot ins Val d'en Bas. Hier hat sich eine Kooperative junger Landwirte den Namen Francesc de Verntallat auf die Fahnen geschrieben. Diesem Lokalrevolutionär aus dem 15. Jahrhundert fühlten sie sich verbunden, als sie sich noch in der Franco-Ära zusammenschlossen, um ihre Produkte direkt zu vermarkten. Heute produzieren die Mitglieder der Cooperativa Verntallat Kartoffeln, Bohnen und Mais, stellen Käse aus Ziegenmilch her und produzieren Würste nach alter handwerklicher Manier. Zwischen Maisfeldern und Bauernhäusern hat die Kooperative ihr Domizil errichtet: Lagerhallen und Silos, Garagen und Werkstätten, einen hübsch aufgemachten Laden und natürlich eine Bar. Abends treffen sich hier die Bauern zum Schwätzchen, quasi im Vereinslokal, und auch ich habe gleich ein Gläschen Wein und eine Schale Mandeln vor mir stehen.

Es wird schon dunkel, als ich bei meinem Nachtdomizil ankomme. Die Sonne sinkt über dem Val d'en Bas, der Blick schwebt über die Felder mit den zarten Maispflanzen, es riecht nach Erde und Wasser und Grün. Im Gegensatz zur Küste mit ihren schreienden Farben gibt sich die Garrotxa still und moderat. Selbst die Stimmung, in die man hier gerät, ist irgendwie pastellig. Im Zeichen des ländlichen Tourismus (turismo rural) haben Inès Puigdevall und ihr Mann am Rand des Val d'en Bas ihr ehemaligen Bauernhaus umgebaut und vermieten nun Zimmer an Gäste. Da es im Frühjahr noch kühl ist, hat Inès in der historischen Kochstube den Kamin eingeheizt. Aus der modernen Küche weht ein verheißungsvoller Duft herüber, es gibt escudella, einen üppigen Eintopf mit Kichererbsen, Kohl und vielen verschiedenen Fleischsorten.

Eine Reitertruppe mit jungen Damen aus Deutschland, Holland und England samt katalanischem Führer ist an diesem Abend ebenfalls zu Gast. Wir sitzen am Feuer, palavern und schlürfen Ratafía, einen fast schwarzen Likör aus grünen Walnüssen und Kräutern. Ein Freund des Hauses versteigt sich in abenteuerliche Geschichten über den Lokalrevolutionär Verntallat, Likör und Kaminrauch und Anekdoten steigen in den Kopf wie an der Küste die Tramuntana. Am liebsten möchte ich die Zeit vergessen. Wenn ich malen könnte wie Salvador Dalí, würde ich auch Uhren darstellen, die sich einfach auflösen.


Wüste und Wildwest
Scottsdale: Oase der Künste und des Vergüngens in der Wüste von Arizona
© Marion Trutter, erschienen in Süddeutsche Zeitung

Der Swimmingpool von Bob Boze Bell hat mehr als einen Zugang: die ganz gewöhnliche Treppe an der Stirnseite und außerdem etwas seltsam anmutende Stufen an den Breitseiten. Für normale Menschen sind diese Tritte viel zu hoch - und für lebende Personen sind sie auch gar nicht gedacht. Der Architekt hat sie einbauen lassen, damit die Geister freien Durchgang durch den Pool genießen. Denn bevor der Cartoonist und Schriftsteller Bob Boze Bell an dieser Stelle, 15 Meilen außerhalb von Scottsdale, sein Häuschen baute, war von der Schotterpiste aus der Blick frei auf eine Höhle am Bach, wo im Jahr 1872 sieben Indianerfamilien von einem skrupellosen Soldaten erschossen wurden. Der Blick ist nun durch das Haus des Künstlers versperrt und deshalb empfahl der Architekt, einen Durchgang durch Haus und Pool zu schaffen - damit die Geister freie Fahrt zur Höhle haben. So besticht nicht nur der Swimmingpool durch außergewöhnliches Design. Auch das Haus hat ein Loch: eine Art Korridor für die Geister.

Bob Boze Bell beschäftigt sich auch beruflich mit den Figuren, die in der Wüstenregion Arizonas lebten: mit Billy the Kid, Wyatt Earp und dem Indianerführer Geronimo. Alle drei sollen sie in der näheren Umgebung von Scottsdale gewirkt haben und, so betont Bob, "wenn Du hier auf der Schotterpiste gekommen bist, hast Du bestimmt ein paarmal den Weg von Geronimo gekreuzt."

Der Wilde Westen, wie ihn Hollywood so gern vermarktet, wird auch in Scottdale mit allen Klischees dargeboten. Am nördlichen Stadtrand liegt die Westernstadt Rawhide, stilecht mit Saloon und Barbier, mit Sheriff und Schießereien. Professionelle Stunts spielen auf der Straße "High Noon", im Indianercamp präsentieren Navajos und Apachen aus nahegelegenen Reservaten ihre Stammestänze. Das wirklich Beeindruckende an Rawhide ist aber, dass die Westernstadt wirklich in der Wüste liegt: umgeben von Saguaro-Kakteen und Gestrüpp, in der Ferne die blauen Berge, und wenn dann kurz vor Sonnenuntergang die Wolken eines drohenden Gewitters den Himmel rot, lila und blauschwarz färben, dann ist der wilde Westen echt.

Diese Szenerie erinnert an jene Zeit, da Scottsdale noch als derbe "Steak- and Potatoe-Town" galt - staubig und verloren im Nichts der Wüste Arizonas. Gerade diese urwüchsige Region aber zog auch große Geister aus dem Norden an. 1937 verschlug es den berühmten Architekten Frank Lloyd Wright ins Valley of the Sun. Gemeinsam mit seiner Frau und 23 Studenten ersann er hier seine ideale Behausung - eingebettet in die steinige Landschaft und gebaut mit den Materialien der Wüste. Das Haus, so Wright, sollte aussehen, als hätte er es ausgegraben: mit "Wüstenbruchsteinmauerwerk" in Rot und Schwarz und verschiedenen Grautönen. Heute gilt Taliesin West, wie Wright seinen Wüstenwohnsitz nannte, als anerkanntes Ausbildungs- und Forschungszentrum für Architekten. Die Studenten bieten Führungen an und lassen Besucher bei der Tour "Behind the scenes" auch in Wrights Heiligtum vor: Der Garden Room, ein mit Möbeln und Skulpturen des Designers ausgestattetes 200-Quadratmeter-Wohnzimmer, scheint durch riesige Fenster fast mit der Wüste zu verschmelzen.

Mit der Zeit ließen sich immer mehr Künstler - Weiße und auch Angehörige indigener Stämme - im Valley of the Sun nieder und nach ihnen entdeckten Tausende das Wüstental als idealen Ort für Arbeit und Freizeit. Innerhalb von nur drei Jahrzehnten erhob sich Scottsdale bei Phoenix aus der Asche und hat sich vom 2000-Seelen-Nest zu einer kosmopolitischen und eleganten Stadt entwickelt, wo jeder immer Urlaub zu machen scheint. Es gibt kaum Industrie, man lebt von der Dienstleistung und von der Sonne, die hier mehr als 310 Tage pro Jahr scheint. Gebaut wird niedrig und am liebsten mit Adobe, jenem warmbraunen Lehm-Stroh-Gemisch des Südwestens.

Zwar steigen im Sommer die Temperaturen regelmäßig bis an die 50 Grad, aber dafür bleibt es auch von November bis März so mild, dass in Schwärmen die snowbirds aus den Nordstaaten einfliegen, meist Leute mit genügend Geld, um den Winter dort oben einfach auszulassen. Und diese Klientel frönt vor allem zwei Lieblingszeitvertreiben: Shopping und Golf. Die Kreativen draußen vor der Stadt mutmaßen schon, dass ihnen statt Vögeln und Insekten bald die Golfbälle um den Kopf schwirren könnten.

Durch seine mehr als 400 Galerien hat sich Scottsdale zu einem anerkannten Mekka für Kunstsammler aufgeschwungen. Neben US-Impressionisten findet man vor allem von Indianern hergestellte oder von ihnen beeinflusste Werke. Im Marshall Way Contemporary Arts District, in der Kunstmeile Main Street und in der Fifth Avenue lauert die Qual der Riesenauswahl an Gemälden und Skulpturen, Kunsthandwerk und Goldschmiedearbeiten, Möbeln und Antiquitäten.

Die Kunstpfade Scottsdales verlaufen aber am Stadtrand keineswegs im Sande. In den Desert Foothills um Cave Creek und Carefree, rund 15 Meilen nördlich, haben sich einige Dutzend Künstler zur Sonoran Arts League zusammengeschlossen. Sie leben und arbeiten hier draußen, unterrichten an örtlichen Schulen, veranstalten Kunst-Events und öffnen jeden November bei der "Hidden in the Hills Studio Tour" ihre Ateliers für Besucher. Und gerade jetzt wirft sich die Wüste für Besucher so richtig in Schale. Im frühen Winter blühen viele Wildpflanzen und ab März stehen die Kakteen in voller Blüte. Das karge Land strahlt dann in rosé und lila, in gelb und weiß und in der milden Jahreszeit erlauben die Temperaturen stundenlange Wanderungen durch die Wüste. Nun kann man - unbehelligt durch die niederschmetternde Hitze - auf den Camelback Mountain klettern oder in den Bolder-Felsen von Carefree herumstreunen. Und wer bei Bob Boze Bell vorbeikommt, kann seine guten Wünsche durch den Geisterkorridor in die legendäre Höhle schicken. Es gibt allerdings auch einen Fußweg...